[:de]Heimatlos[:en]Mysterie 2[:]
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HEIMATLOS
Wir alle sind hier Fremde. Dies ist nicht unsere Heimat, unsere Heimat ist woanders.
Wir sind ein einem fremden Land.
Ausserhalb von sich selbst zu bleiben,
heisst heimatlos zu bleiben; einzutreten heisst,
wieder zu hause sein.
Daher muss man alles dran setzen einzutreten.
Nichts darf unversucht bleiben, alles muss aufs Spiel gesetzt werden, denn nichts ist kostbarer
als diese Einkehr.
Dafür kann man alles verlieren, alles opfern,
denn alles andere ist bedeutungslos.
Osho
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Mysterie 1
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Sexualmagie, das Tantra des Westens
Viele Hundertausende westlicher Sucher sind seit den 70er Jahren des 20. Jahrhundert nach Osten gereist, um dort in Kontakt mit den asiatischen Weisheitswegen zu kommen wie Yoga, Zen und Tantra. Die Sexologin Maitreyi ist eine von ihnen. Nach vielen Jahren der Beschäftigung mit diesen Wegen findet sie jedoch, dass ihre sprituelle Heimat im Westen liegt. Westliche Menschen müssen die ihnen eigenen kulturellen Wunden heilen, sagt sie, auch die kollektiven Wunden ihrer eigenen westlichen Kultur, die einst Hexen und Ketzer verbrannte. Dazu gehören auch die sexuellen Wunden. Erst dann kann die spirituelle Transformation umfassend sein und uns in eine neue authentische Spiritualität führen.
Durch Osho wurde eine neue Ära im Umgang mit der Sexualität eingeleitet. Als erster spiritueller Lehrer setzte er sich öffentlich dafür ein, die sexuellen und spirituellen Kräfte aus ihrer langen Gefangenschaft zu befreien und beide wieder zu vereinen. Zu Tausenden sind wir in den 1970ern nach Indien gepilgert, um durch Sex zu einem höheren Bewusstsein zu gelangen. Neotantra nannte er seine Vision der sexuellen Befreiung. Sie richtete sich an spirituelle Sucher, die er dazu inspirierte, auf ihrem spirituellen Weg der Selbsterkenntnis die Sexualität nicht länger auszuklammern, sondern bewusst mit einzubeziehen. Osho hatte frischen Wind in die stagnierten Kräfte gebracht, die sexuelle Revolution ordentlich angekurbelt und die sexuelle Entwicklung auf diesem Planeten nachhaltig geprägt.
Es galt, die sexuellen und spirituellen Kräfte aus den Klauen des Unbewussten zu befreien. Dazu mussten hemmende und einengende Verhaltensmuster und kulturelle kollektive Prägungen erkannt und aufgelöst werden. Die tägliche Meditation war dabei der wichtige Schlüssel, wobei sie nicht zur obligatorischen Pflichtübung werden sollte, sondern zur lustvollen und authentischen Suche nach der ultimativen Freiheit und höchsten Wahrheit oder größten Liebe. Es war die Geburtsstunde einer neuen Tantrabewegung.
Das Neotantra hat über die Jahre stark von seinem anfänglichen Schwung eingebüßt und sich zudem in eine Richtung entwickelt, die heute mit Oshos spiritueller sexueller Rebellion nicht mehr viel zu tun hat. Durch seine kommerzielle Ausrichtung hat sich die Tantrabewegung mehr nach den Bedürfnissen der Konsumenten und weniger nach der höchsten Wahrheit ausgerichtet. Das hat die von Osho eingeleiteten spirituellen Prozesse wieder gezähmt und in ihrer Wirkung stark eingeschränkt. Vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, einen Schritt weiterzugehen und neue Wege zu suchen, die uns auf unserem abenteuerlichen Weg in die Freiheit besser unterstützen können.
Buddhafeld
Die Ursache der meisten sexuellen Probleme ist, dass die Sexualität durch ihre Jahrtausende lange Unterdrückung sich vom höheren Bewusstsein abgespalten hat und nun in den unbewussten Zonen vor sich hin dümpelt. Wenn zwei Menschen, die vom höheren Bewusstsein abgeschnitten sind, Sex haben, ist das nicht die ideale Voraussetzung zur Entwicklung einer gemeinsamen mystischen Sexualität.
Viele Menschen, die sich mit der sexuellen Befreiung beschäftigen, berufen sich auf Osho und seine Meditationen. Doch es bestehen einige Missverständnisse bezüglich seiner Methoden. Meditationen wie die Kundalini und die Dynamische sind sehr wirkungsvoll, aber es sind keine spirituellen Praktiken im eigentlichen Sinne. Ich möchte das verdeutlichen: Als Osho noch lebte, war sein Ashram, vor allem das legendäre Poona I (1974-1981), ein enormes Kraftfeld. Er nannte es Buddhafeld.
Ein Buddhafeld entsteht durch einen erleuchteten Meister. Es ist etwa so, als würde sich das höhere Bewusstsein dieses Menschen so stark ausdehnen, dass auch andere daran teilhaben können. Es ist ein großer Luxus, in der Gegenwart eines Erleuchteten zu meditieren oder Sex zu haben, weil man durch das Buddhafeld auf eine höhere Schwingung angehoben wird und so an einer andere Realität etwas nippen kann. Die Kundalini und auch die Dynamische Meditation waren Methoden, die westlichen Suchenden für diese höheren Erfahrungen im Buddhafeld öffnen sollten. Außerhalb dieser Meditationen haben die meisten Suchenden damals noch mindestens zwei oder drei Stunden in Stille gesessen und meditiert. In diesem Feld wurde das Neotantra geboren. Ohne Buddhafeld und ohne einen erleuchteten Meister besteht eine ganz andere Ausgangslage. Dann muss sich jeder selbst um diese Buddhaqualität kümmern. Kundalini oder Dynamische Meditation sind nicht die geeigneten Methoden, diese Ebene zu erschließen. Aber sie sind in Kombination mit höheren Praktiken nach wie vor unersetzlich.
Die Rückkehr von Shiva und Shakti
Heute genießt der »heilige Sex« aus dem Osten bei uns große Popularität. Mit Shiva und Shakti, die immer häufiger eingeladen werden, tantrischen Riten beizuwohnen, werden die Sexgötter aus dem alten Indien wiederbelebt. Auch sexuelle Mysterien sind immer Bestandteil einer bestimmten Kultur und deshalb in einer komplexen Symbolik eingebettet. Somit verkörpern auch Shakti und Shiva nicht bloß das männliche und weibliche Urprinzip, sondern sie stellen diese Prinzipien innerhalb des Hinduismus dar. Sie sind tragende Elemente der indischen Kultur. Wenn wir nun in tantrischen Ritualen mit solch starken Symbolen wie Shakti und Shiva arbeiten, werden wir automatisch ein Teil des indischen Mythos und auch der indischen Kultur. Wir tauchen ein ins indische Kollektive und verbinden uns mit diesem großen indischen Ganzen mit allem was dazu gehört. Und diese Realität hat nicht viel mit einer spirituellen oder menschlichen Freiheit zu tun. Bedenken wir wieviele Menschen in Indien noch heute durch das hinduistische Kastensystem zu einem minderwertigen nicht menschenwürdigen Leben, in Armut und Krankheit verdammt sind, ausgebeutet und missbraucht werden. Es sind überwiegend diese Milliarden von Menschen, die das indische Kollektiv mit ihren Erfahrungen prägen und es ständig mit Kraft versorgen. Dadurch wurde die diese unbewussten kollektiven Bereiche der indischen Seele sehr kraftvoll. Und auch spirituell unerfahrene Menschen können relativ leicht mithilfe von Ritualen in diese Ebene eintauchen und die Kraft der indischen Seele spüren. Aber ist es das, was wir wirklich wollen?
Seit 35 Jahren befasse ich mich intensiv und auch stark experimentell mit der sexuellen und spirituellen Befreiung. Ich kenne unzählige Menschen, die »Tantra praktizieren«. In meine sexologische Praxis kommen viele, um mit mir über ihre sexuellen Erfahrungen zu reden, und ich weiß nicht, wie viele sogenannte Tantralehrer und -lehrerinnen bei mir Seminare besuchten. Was mir immer wieder aufgefallen ist: Von fast allen Tantrapraktizierenden werden die wohligen Bäder im Kollektiv als »tantrische« oder »spirituelle Zustände« bezeichnet. Doch in Wahrheit vollziehen die meisten ihre Rituale lediglich auf der körperlichen und energetischen Ebene und landen dadurch in der unbewussten kollektiven Ebene und haben keinen Zugang zum Spirituellen.
Ohne diesen Zugang zur unsichtbaren Welt bleibt ihnen die okkulte tantrische Realität jedoch verborgen, und sie merken kaum, was mit ihnen durch diese fernöstlichen Sexualpraktiken alles geschieht. So registrieren viele nicht, dass sie durch die Riten und Symbole lediglich ihre unbewussten Kräfte in sich nähren und alte Muster und Konzepte der Persönlichkeit in sich stärken.
Sexualmagische Praktiken werden erst dann wirklich interessant und wirkungsvoll, wenn wir merken, was auf den sogenannten unsichtbaren oder höheren Ebenen passiert. Dort geschieht das Wesentliche, dort liegen die okkulten Bereiche der Sexualität verborgen. Dort werden kulturelle Werte gefestigt und sexuelles Verhalten manipuliert, dort werden für uns Menschen wichtige neue Impulse gesetzt.
Östliche oder westliche Wege?
Viele westliche Menschen suchen ihr Glück in östlichen Traditionen. Bei mir war das genauso, ich verbrachte einen großen Teil meines Lebens als Schülerin von Osho. Er war einer der ersten östlichen Lehrer, der spezielle Methoden für westliche Menschen entwickelte. Im Jahr 1978, als ich zum ersten Mal in Indien war, waren sehr viele indische Schüler und auch einige Japaner im Ashram. Interessanterweise durften sie nicht dieselben Meditationstechniken anwenden, die uns Westlern gezeigt wurden. Jung wie ich damals war, interessierten mich die Gründe dafür nicht weiter. Ab und zu konnte ich jedoch beobachten, wie ein Inder oder Japaner, der diese Anweisung nicht befolgte, total ausflippte und in einen unkontrollierbaren kathartischen Zustand geriet. Manchmal wurde daraus sogar eine Psychose. Da ich in dieser Zeit in der Krankenstation des Ashrams arbeitete, konnte ich diese eindrücklichen Zustände hautnah miterleben.
Wie Osho seine östlichen Schüler vor westlichen Methoden warnte, so warnte C. G. Jung westliche Menschen eingehend davor, östliche Wege zu gehen – nachzulesen insbesondere im einleitenden Text zum Klassiker Geheimnis der Goldenen Blüte, den er gemeinsam mit Richard Wilhelm herausgab. Heute kann ich die Empfehlungen dieser beiden weisen Männer, Osho und Jung, sehr gut nachvollziehen und weiß sie sehr zu schätzen.
Wichtige Umwege
Obwohl ich mich mit den östlichen Wegen zutiefst verbunden fühle und mich Jahrzehnte lang tief mit der östlichen Sexual- und Meditationspraktik auseinandersetzte, mich sehr tief auf den tantrischen und später auch auf den taoistischen Weg einließ und dadurch unbeschreibliche Höhenflüge und auch Gefühlstiefen erlebte, musste ich feststellen, dass meine spirituelle Heimat ganz woanders liegt. Durch diese östlichen Wege und Praktiken wurden in meinem tiefsten Inneren Anteile in mir aktiviert, die mich sehr befremdeten und die für meine spirituelle Entwicklung als Frau hinderlich wurden. Je tiefer ich dieses Phänomen in mir beobachtete, umso klarer wurde mir, dass durch die taoistischen Sexualpraktiken etwas in mir vermännlicht wurde: Da veränderte sich auf einer sehr subtilen Ebene etwas in mir, es blockierte meine spirituelle Entwicklung und zog mich in eine Richtung, die mit meinem wirklichen Sein nicht übereinstimmte, die mich nicht nach Hause brauchte, sondern mich von mir selbst entfernte.
Ich realisierte, dass mich das Eintauchen in die taoistischen Praktiken mit der chinesischen Kultur und den dazugehörigen kollektiven Kräften in Kontakt brachte, insbesondere auch mit der verletzten, unterdrückten chinesischen Weiblichkeit. Und das Tantra brachte mich mit der indischen Realität in Kontakt. Je mehr ich meinen eigenen sexuellen Heilprozess vertiefte, umso mehr realisierte ich jedoch, dass mein Wesen in der westlichen Welt verwurzelt ist. Für meinen Befreiungsprozess wurde es wichtig, auch die kulturellen Wunden in mir zu heilen, die mir durch meine Herkunft, die Erziehung und die religiösen Prägungen mitgegeben wurden. Das alles trug ich in jeder meiner Zellen, und es war meine größte Verantwortung, das in mir zu heilen.
Wunden heilen
Wir haben nicht nur die Aufgabe, uns um unsere persönlichen Wunden zu kümmern, auch die kulturellen und spirituellen Wunden sollten geheilt werden. Die kollektiven Missverständnisse und Manipulationen an der Sexualität müssen dort aufgelöst werden, wo sie entstanden sind. Solange ich als Europäerin die in einer christlich geprägten Gesellschaft entstandenen Wunden nicht nachhaltig heilen kann, wird es mir auch nicht möglich sein, die weiblichen Wunden, die mit der chinesischen, indischen oder irgendeiner anderen Tradition zusammenhängen, zu beeinflussen. So machte ich mich auf die Suche nach meinen Wurzeln. Ich war mehr als erstaunt, welch großartige Weisheiten und Schätze sich in der westlichen Mysterientradition verbergen und uns heute noch zur Verfügung stehen.
Tantra des Westens
Wir verdanken es vor allem ein paar mutigen medialen Frauen wie Helena Blavatsky, Dion Fortune und Dolores Ashcroft, dass das Tantra des Westens nicht gänzlich verloren ging. Da die christlichen Kirchen das alte Wissen über Hunderte von Jahren systematisch aus der westlichen Gesellschaft verbannten und dazu hunderttausende von Rebellen, Weisen, Liebenden und Eingeweihten verbrannten, ist unser Zugang zur westlichen Sexualmagie auf einer sehr tiefen Ebene belastet und blockiert. Wenn ein Bereich so stark traumatisiert ist, wie das die westliche Sexualität und Spiritualität heute immer noch sind, wenden sich die Menschen automatisch ab und suchen an anderen Orten nach Erfüllung. Dadurch bleiben die traumatisierten Bereiche unverarbeitet im unbewussten Bereich liegen und wirken dort unbemerkt weiter.
Das ist für mich auch eine Erklärung dafür, warum so viele Menschen sich zur östlichen Mystik hingezogen fühlen. Dort werden die eigenen westlichen Wunden nicht angesprochen und tun damit auch nicht weh. Doch solange diese tiefen Traumata und Verunsicherungen nicht im Einzelnen geheilt und befreit sind, bleibt die Bewussteinsbeeinträchtigung bestehen, und auch durch fernöstliche Sexualpraktiken kann keine wirkliche spirituelle Öffnung geschehen. Dies ist eine wesentliche Antwort auf die Frage, warum Tantra als Transformationsweg für westliche Menschen nur bedingt funktioniert.
Vielen Menschen, die mit östlichen Wegen experimentieren, geht es so wie mir vor einigen Jahren: Sie stoßen an diese Grenzen. Viele versuchen deshalb, die östlichen Sexualpraktiken mit westlichen Therapiemethoden zu ergänzen. Aber das Therapieren ist nie ein Ersatz für eine spirituelle Praxis, weil Therapien auf die Persönlichkeit einwirken und nicht das Potenzial haben, die höheren spirituellen Bereiche zu entwickeln. Und gerade Methoden dafür braucht es, um die tiefen kulturellen Traumata zu neutralisieren und zu heilen.
Heilige Riten
Die spirituellen Schulungswege von Ost und West unterscheiden sich deutlich voneinander, weil beide Bereiche seit Jahrtausenden detailliert auf die jeweiligen kulturellen Besonderheiten abgestimmt wurden. Der westliche Einweihungsweg zeigt einen anderen Umgang mit der Sexualenergie als die östlichen Kulturen. Er verlangt von seinen Schülern im Umgang mit der Sexualität sehr viel Eigeninitiative, Individualität und Kreativität. Noch haben wir längst nicht alle in der westlichen Kultur liegenden Möglichkeiten zur sexuellen Entwicklung entdeckt. Es wird Zeit, sie zu rehabilitieren. Die sexuellen Mysterien waren lange Zeit ein wichtiger Bestandteil der westlichen Kultur. Ihre Weisheiten und Erfahrungen sind noch tief in uns allen verankert.
In den Mythen rund ums Mittelmeer, dieser Wiege der westlichen Kultur, wurden die sexuellen Mysterien in der alten Zeit von fast allen Völkern gefeiert. Die Vereinigung des gehörnten Gottes und der Göttin gehört zu den ältesten Sexualriten. Der erfolgreichste Jäger des Stammes war auserkoren, die Göttin, die schönste Jungfrau, zu schwängern und sich mit ihr bis zur nächsten Jagd zu vergnügen. Eingeweihte Priester und Priesterinnen praktizierten die kultische Prostitution in den Tempeln von Mesopotamien und Chaldäa. In Ägypten trug die Königin die Fruchtbarkeit der Erde und die Macht der Isis in sich. Durch ihren Schoß, symbolisiert durch einen Thron, erlangte der Pharao seine Macht. Die Mysterien der Isis sind wohl die Quellen und ein wichtiger Schlüssel zur westlichen Sexualmagie. Die göttliche Isis wurde im ganzen Mittelmehrraum, häufig auch unter anderen Namen, gefeiert. Bis nach Österreich wanderten die Kulte, dort wurde sie als Isis Noreia geehrt. Weil die Mysterien der Isis so kraftvoll sind, können sie als einer der Ursprünge der christlichen Religion gelten.
Was genau ist Sexualmagie?
Göttliche Magie ist die Kunst, das Unbewusste bewusst im Einklang mit den göttlichen Gesetzen zu verändern und dadurch das Bewusstsein zu erweitern. Wenn die Sexualität in diese Prozesse einbezogen wird, spricht man von Sexualmagie. Götter zu ehren und sie in die sexuellen Riten einzubeziehen, ist ein Teil der westlichen Sexualmagie, der so alt ist wie die Menschheit. Gottesbilder sind wesentliche menschliche Symbole, die für die Entwicklung der menschlichen Seele wichtige Geheimnisse bergen. Mit ihnen rituell zu arbeiten, macht die Sexualmagie hoch potent.
Shakti, Shiava, Isis, Apollo, Tara, Gardu und wie sie alle heißen, werden meist als Götter bezeichnet. Das sind sie im eigentlichen Sinne aber nicht wirklich. Es handelt sich vielmehr um Gefäße, die von Menschen – oder höheren Wesensformen – geschaffen wurden, damit die Menschen in Kontakt mit etwas Höherem kommen konnten. Gottformen wie Shakti und Shiva sind beispielsweise sehr starke Konstrukte, weil über Generationen stets sehr viele Menschen damit gearbeitet und sie mit ihrer Liebe und ihrer Sexualkraft aufgeladen haben. Zudem hinterlässt jeder, der mit diesen Formen arbeitet, seine eigenen Spuren in diesem Gefäß. So entstehen sehr kraftvolle Gebilde. Das ist wie bei sexuellen Fantasien: Wird auf eine sexuelle Fantasie masturbiert, wird dadurch eine Gedankenform geschaffen und belebt. Je mehr Menschen die gleiche sexuelle Fantasie hegen, desto stärker wird das Bild.
Mit Gottformen zu arbeiten, ist deshalb nicht ganz ohne. Es braucht ein solides körperliches, energetisches und emotionales Fundament, damit die Menschen von den Kräften, die in diesen Formen gespeichert sind, nicht überrollt werden. Eine Kraft zu rufen, ist eines, sie wieder zu verabschieden, das andere. Es gibt Gottformen, die man schwer wieder loswird. Bevor mit einer bestimmten Gottform gearbeitet wird, sollte man sich daher mit allen ihren Aspekten und Symbolen vertraut machen. Dazu gehört auch die Klarheit darüber, was passiert, wenn mit hinduistischen oder taoistischen Symbolen gearbeitet wird: Mit welcher Kraft verbinden wir uns dadurch? Was löst das in uns aus?
Auch die Mondmagie ist ein wichtiger Teil der Sexualmagie. Wie viele Rituale habe ich schon gesehen, die lediglich darauf abzielen, sich mit dem Mond zu verbinden. Und wofür steht Mond? Für die unbewussten weiblichen Sexualkräfte, in denen dann gebadet wird. Solange die spirituellen Anteile in uns nicht rehabilitiert sind, fehlt uns die Flamme des höheren Bewusstseins, die uns den Weg durch die diffusen unbewussten Gewässer leuchtet. Lediglich im Unbewussten zu schwelgen, blockiert unseren dringend anstehenden individuellen Weg der Befreiung.
Eine gute Vorbereitung
Ich arbeite sehr viel mit der Sexualmagie der Isis. Diese Kräfte aufnehmen und halten, das können nur Menschen, die gründlich geschult sind und das dafür nötige Fundament sowie die inneren Werkzeuge dafür haben. Vor allem für Frauen mit einer männlichen Prägung sind solche Sexualpraktiken direkt schädlich. Ich werde von vielen Frauen immer wieder heftig kritisiert, weil ich darauf bestehe, dass Menschen, die diese höheren Praktiken von mir erlernen wollen, über ein solides Fundament verfügen müssen. Dabei ist es ganz simpel: Wer die Grundlagen nicht lernen will, kann auch nicht vertiefen.
Solange frau keinen wahrhaftigen Zugang zu ihrer Spiritualität hat, sollte sie besser die Finger von sexualmagischen Ritualen lassen, auch wenn diese Auffassung von der Meinung der meisten »Freizeitantriker« abweicht. Frau sollte sich stattdessen genügend Zeit nehmen, um sich ein stabiles körperliches, energetisches und emotionales Fundament zu errichten und sich eingehend mit den entscheidenden Sicherheitsmaßnahmen bei der Erweckung der sexuellen Kräfte zu befassen. Und auch Männer sollten fit genug sein, ihre Männliche Power in sich zu halten. Es benötigt einfach einige Jahre, bis ein Mann sein heiliges Zepter mit Liebe und Kraft führen kann und sich eine Frau in einen liebenden offenen Kelch verwandelt hat. Aber der große Einsatz lohnt sich allemal.
Menschen, die sich zur westlichen Sexualmagie hingezogen fühlen, rate ich immer, sich am Anfang nicht auf die Sexualität zu konzentrieren und nicht an ihren sexuellen Beziehungen herumzubasteln, sondern zunächst dafür zu sorgen, dass die Energien und Gefühle frei und natürlich fließen und ihre spirituelle Ausrichtung kraftvoll ist. Es ist zudem hilfreich, sich mit den unterschiedlichen Sphären und Bewusstseinsebenen zu befassen. Dion Fortunes Buch zur mystischen Kabbala kann dabei helfen, es ist ein sehr reichhaltiges Werk, das tiefe Weisheiten in sich trägt. Von seinem Stil sollte man sich nicht abschrecken lassen, das Buch wurde 1935 geschrieben. Es lässt sich nicht mit dem Intellekt verstehen, nur durch Meditation und über das Herz lassen sich tiefe Weisheiten ergründen.
Exoterisch und esoterisch
In allen spirituellen und religiösen Bewegungen, seien es Kirchen, Kulte, Mysterienschulen, Klöster, Bruderschaften und so weiter, erkennen wir bei genauerer Betrachtung zwei Bereiche: einen exoterischen, äußeren, oberflächlichen, und einen esoterischen, inneren Bereich. Die exoterischen Ebenen sind öffentlich, also fast allen Menschen zugänglich. Dazu gehören zum Beispiel religiöse Feste, Prozessionen, Taufen und Gottesdienste ebenso wie Lieder, Geschichten und Bräuche. An exoterischen Aktivitäten können auch Menschen teilnehmen, die über keinerlei spirituelle Schulung oder übersinnliche Begabung verfügen. Es gibt und gab schließlich immer sehr viele Menschen, die einfach gern bei irgendeinem sozialen oder kulturellen Geschehen mitmachen. Sie fühlen sich dabei wohl, Teil einer größeren Vision zu sein, ohne sich für ihre innere Entwicklung einsetzen oder zu irgendetwas verpflichten zu müssen. Für ein paar Stunden an etwas Größerem teilzuhaben, das stillt den Hunger vieler Menschen. Deshalb sind spirituelle Großevents und religiöse Gemeinschaften auch heute so populär, und sie haben durchaus eine wichtige Funktion. Der esoterische ist traditionellerweise der innere Bereich, der nur den Menschen zugänglich ist, die bereit sind, sich für ihre spirituelle Entwicklung verbindlich einzusetzen. Ihnen wird wegen ihrer Hingabe und ihrem Einsatz die Einweihung in die Mysterien zuteil.
Die hohe Kunst der Sexualmagie wird dem inneren, dem esoterischen Bereich zugeordnet. Denn es braucht großes Know-how, viel Erfahrung und eine entwickelte Sensibilität, um sexualmagisch wirken und erfolgreich Riten vollziehen zu können. Die meisten Menschen wissen nicht, welche magischen Kräfte sich in ihrer Sexualität verbergen und unterschätzen, wie sehr es sich bei sexuellen Ritualen um hoch wirksame Methoden handelt. Werden sie von Menschen ausgeführt zur sexuellen Unterhaltung und um ihre Beziehung etwas zu beleben, die keine fundierte Schulung erhalten haben, kann sich das sehr negativ auf deren Entwicklung auswirken. Solche Methoden sollten auch nicht zur Unterhaltung oder zum Beleben der Partnerschaft eingesetzt werden. Um Anfänger und Ungeschulte zu schützen, sind diese Bereiche daher in allen Traditionen im esoterischen Bereich verborgen gehalten worden.
Die eigene Heimat finden
Ich bin der Überzeugung, dass unterschiedliche Menschen unterschiedliche Zugänge zur spirituellen Welt haben. Schließlich haben wir alle auch ganz verschiedenartige spirituelle Aufgaben zu lösen. Diese werden von einer Generation an die nächste weitergegeben, und bestenfalls löst jede ein Stück davon. Um in Kontakt mit der eigenen spirituellen Aufgabe zu kommen, muss jeder erst seine spirituelle Heimat finden. Jeder sollte wissen, durch welche Tradition er geprägt und auch verletzt wurde, um sich heilen und befreien zu können.
Wir haben heute das große Glück, in einer Zeit zu leben, in der es frei zugänglich tausende von Büchern gibt, und wir können reisen und Menschen aus der ganzen Welt treffen. Diese Vielfalt kann uns helfen, die eigene Heimat zu finden, um so wieder in Kontakt mit dem verborgenen Licht, der dunklen Sonne, der Mystischen Rose, der Großen Göttin oder wie auch immer wir die tiefe spirituelle Ebene nennen möchten, zu kommen. Die Flamme des Bewusstseins wird uns den Weg weisen, bis wir mit der geistigen Welt verbunden sind.
Um die eigene Heimat zu finden, braucht es meist eine längere Phase der Suche. Der spirituelle Weg ist eine tiefe Auseinandersetzung mit verschiedenen Realitäten, und wenn die Sexualität in diese Prozesse einbezogen wird, verstärken sich alle anderen Bereiche. Spirituelle Sexualpraktiken sollten daher immer eine tiefe existenzielle Auseinandersetzung mit sich und dem Leben sein. Erst durch die Meditation entsteht die nötige Klarheit, durch die eine Transformation geschehen kann.
Den inneren spirituellen Durchbruch zu erlangen, hat im Umgang mit einer neuen Sexualität heute die größte Dringlichkeit. Dazu sollten zuerst die großen Wunden, die die christliche Religion unserer Sexualität und Spiritualität zugefügt hat, geheilt werden. Denn solange diese Wunden nicht geschlossen sind, werden Sexualität wie Spiritualität von unbewussten Kräften gesteuert. Solange wir beide in fremde Kulturen auslagern, kann der dringend nötige Entwicklungsschritt nicht geschehen. Die Schätze der westlichen Kultur warten nur darauf, von uns wiederentdeckt und gefeiert zu werden. Zu lange wurden sie unterdrückt und missbraucht. Die hohe Kunst der Sexualmagie ist es nicht, die alten Strukturen zu festigen, sondern sie soll uns dazu verhelfen, einen neuen magischen Umgang mit der Sexualität zu finden, der uns in ein neues Bewusstsein führen kann. Damit beschreiten wir dann Wege, die wir alle noch nicht kennen.
Maitreyi Piontek
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